Die Überfahrt (Psalm 66,2)

Wenn ich das Schiff schon sehe, wird mir schlecht. Wenn ich die Karten für die Überfahrt kaufe, wird mir richtig mulmig. Und wenn ich das Schiff dann betrete, muss ich zugeben: Ich habe Angst!


Jedes Jahr muss ich mit meiner Frau nach Norderney fahren. Ja, muss. Weil meine Frau diese Insel liebt und weil ich meine Frau liebe.


Also verbringen wir jedes Jahr dort eine Woche Urlaub. Ich habe nichts gegen die Insel, sie ist sehr schön, aber das Blöde an Inseln ist eben, dass sie von Wasser umgeben sind. Und dass man nur mit dem Schiff dahin kommt. Zumindest nach Norderney. Dass ich jedes Jahr auf das Schiff gehe, ist ein echter Liebesbeweis für meine Frau.


Viele lächeln ein wenig über mich. So eine kurze Überfahrt. Da braucht man doch keine Angst zu haben. Die Titanic ist doch nicht zwischen Norddeich und Norderney gesunken. Bei Ebbe kann man sogar nach Norderney laufen. Mit Gepäck ist das aber nicht zu empfehlen. Also die Fähre.


Da sitze ich dann auf Deck und mache die Augen zu. Um mich herum sind lauter fröhliche Menschen. Ich rede mir ein, dass alles gar nicht schlimm ist. Aber gerade wenn ich mich etwas beruhige, fragt ein kleines Kind hinter mir: „Mama, was steht da auf dem grauen Kasten?“ – „Rettungswesten“, antwortet die Mutter und meine Ruhe ist dahin.


Freunde haben mir den Tipp gegeben, immer auf den Horizont zu achten, wenn mir schlecht wird. Hilft bei mir überhaupt nicht. Ein erfahrener Segler empfahl mir, hochdosiertes Vitamin C zu nehmen. Hat aber auch nichts geholfen.


Es gibt nur eines, was mir wirklich auf der Überfahrt hilft. Und das ist mit Gott streiten. Jedes Mal, wenn das Schiff anfängt zu schaukeln, beklage ich mich bei Gott.


„Warum muss ich Angst haben auf diesem Schiff? Warum hast du mich nicht seetauglich erschaffen? Und warum muss Norderney eine Insel sein?“ Und wenn dass alles nichts hilft, zitiere ich einen Satz aus der Bibel. „Gott, hilf mir, denn das Wasser steht mir bis zum Hals.“


Aber Gott antwortet nicht. Er spaltet nicht das Meer wie bei Mose. Und er lässt mich auch nicht übers Wasser laufen wie Jesus. Gott hört nur zu.


Die ganze lange Zeit bis ich mit dem ganzen Klagen und Schimpfen fertig bin. Dann mache ich die Augen auf und sehe die Insel vor mir. Die Fahrt ist dann fast zu Ende und ich habe es wieder einmal geschafft.


Irgendwie hat Gott mir dann doch geholfen – aber die nächste Fahrt wird trotzdem wieder schlimm.


Pfarrer Dr. Paul Metzger


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