Lob der Langweile


Achtung am Gleis drei. Der Zug von Mannheim nach Hamburg hat heute voraussichtlich 10 Minuten Verspätung. “Sofort holen alle Leute auf dem Bahnsteig ein Handy aus der Tasche und fangen an zu tippen. Ich auch.


Als ich vom Handy aufschaue, sehe ich eine junge Frau neben mir. Sie schaut mich etwas belustigt an.


„Ich habe meiner Frau eine SMS geschrieben“, sage ich zu ihr.


„Aha“, meint sie nur. Irgendwie habe ich das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. „Weil der Zug Verspätung hat“.


„Aha“, sagt sie wieder und fügt dann hinzu: „Wissen Sie, 10 Minuten sind mir keine Nachricht wert.“


Jetzt sage ich „aha“ und denke: „Eigentlich hat sie Recht. Meiner Frau wird es egal sein, ob ich 10 Minuten früher oder später in Hamburg ankomme.“


Um mich herum sind alle Leute immer noch mit ihren Handys beschäftigt. „Was machen die solange damit?“, denke ich.


Auch die junge Frau schaut sich um. - Dann sagt sie zu mir: „Wissen Sie, was ich mache, wenn der Zug 10 Minuten Verspätung hat? – Nichts! Ich langweile mich einfach.“


Langweilen? Das klingt für mich nicht besonders aufregend.


„Wenn ich mich langweile,“ fährt die junge Frau fort, „dann kommen mir oft die besten Einfälle. Normalerweise hetzen wir doch heute von einem Termin zum anderen und wenn wir mal nichts zu tun haben, dann holen wir ein Handy aus der Tasche und spielen damit rum. Da ist es doch schön, wenn man sich mal langweilt.“


„Das stimmt“, denke ich. Mir kommen meine besten Ideen auch immer, wenn ich mal nichts tue. Wenn ich nicht abgelenkt bin. Wenn ich mich langweile, dann kommen mir oft die besten Einfälle.


Vielleicht ging das auch den Propheten in der Bibel so. Die hatten in der Wüste ja auch kein Smartphone dabei. Vielleicht konnten die besser mit Gott sprechen, weil sie nicht so abgelenkt waren. Oder Jesus in der Wüste. Dem ist in seiner Langeweile sogar der Teufel erschienen. Und nur weil er sich mit ihm auseinandergesetzt hat, hat er ihn besiegt.


Seitdem probiere ich das immer wieder mal. Ich lasse mein Buch in der Tasche beim Zugfahren. Schaue aus dem Fenster und mache - nichts. Vielleicht begegnet Gott auch mir in der Langweile auf der Fahrt nach Hamburg.


Pfarrer Dr. Paul Metzger


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